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43 Jahre zweite Heimat für Hermann Hesse: MONTAGNOLA
Auf den Spuren von Hermann Hesse im Tessin

Italienisch, schweizerisch – Was macht den Zauber einer Landschaft aus, die der weltgereiste Schriftsteller nicht mehr verlassen wollte, nachdem er sie gefunden hatte? Hermann Hesse hat Wort gehalten. Nachdem er am 9. August vor 50 Jahren starb, wurde er – inzwischen Literaturnobelpreisträger – in die Erde von Sant‘Abbondio unterhalb von Montagnola begraben. Das Tessiner Dorf, in dem „Klingsors letzter Sommer“, „Der Steppenwolf“, „Narziß und Goldmund“ oder „Das Glasperlenspiel“ entstanden, wird heute zwar nicht mehr von einem unvermögenden Literaten und armen Bauern bewohnt, doch die Weinberge, Obsthaine und Wälder der Landschaft, die den Dichter „stets wie eine vorbestimmte Heimat angezogen und empfangen“ hat, strahlen über dem blauen See immer noch die ländliche Ruhe aus, die Hesse 43 Jahre lang die Kraft zum Schreiben und Malen gab.

„Wenn ich diese gesegnete Gegend am Südfuß der Alpen wiedersehe, dann ist mir zumute, als kehrte ich aus einer Verbannung heim, als sei ich endlich wieder auf der richtigen Seite der Berge“, urteilte Hesse über seine Wahlheimat. Er war nicht der einzige Deutsche, den es magisch ins Tessin zog, den italienischsprachigen Schweizer Kanton. Der ehemalige Rektor der Goethe Universität und Begründer der „Frankfurter Schule“, Max Horkheimer, verbrachte seinen Lebensabend ebenfalls in Montagnola. Hier wohnte auch der Mitbegründer der Dada-Bewegung, Hugo Ball, und gemeinsam zogen sie eine illustre Schar von Besuchern ins Dorf. Darunter Bertold Brecht, Thomas Mann und Theodor Heuss.

Montagnola liegt oberhalb der Stadt Lugano am Fuße des „Zuckerhutes von Lugano“ namens San Salvatore. Nachdem Hermann Hesse 1919 als mittelloser Literat in der heruntergekommenen Villa Casa Camuzzi des damals noch bäuerlichen Dorfes seine Bleibe fand, trat er den Weg nach Lugano öfters zu Fuß an. Zahnarzt, Behördengänge oder Rechtsgeschäfte hießen seine Anlässe. Später waren es auch Lesungen im damaligen Grandhotel Palace, das heute zum Kulturzentrum LAC umgebaut wird. Oft zog es den Schriftsteller an die Piazza della Riforma und in die Via Nassa. Dort deckte er sich beim Buch- und Schreibwarenhändler Wega mit Schreibutensilien ein und hielt ein Schwätzchen beim Tee mit dem Besitzer Ernst Fuchs, dessen Enkelin heutzutage den Laden führt.

Mittlerweile hat sich einiges an der Via Nassa geändert, die parallel der schicken Uferpromenade verläuft. Die Straße ist heute die „Goethestraße von Lugano“, ein Nobeldesigner reiht sich an den nächsten, dazwischen Juweliere mit ihren noch kostspieligeren Auslagen. Nur ein gewöhnlicher Supermarkt macht die knapp 415 Meter lange Einkaufsmeile der Reichen ein wenig bunter. „Hier kann man auf dem Dachgarten im Selbstbedienungsrestaurant für Schweizer Verhältnisse günstig essen“, sagt die Fremdenführerin Christa Branchi, die ursprünglich von Zürich kommend in Lugano Fuß gefasst hat: „Dieses Licht, dieses fröhliche Leben und die Zeiger unserer präzisen Schweizer Uhren sind hier elastischer“, lächelt sie verschmitzt. Ob ihr Grund auch Hesses Motive waren?

Am Ende der Via Nassa, gleich ans neue LAC anschließend, steht seit dem frühen 16. Jahrhundert die Kirche Santa Maria degli Angiolo, in deren Innern eine Kreuzigungsdarstellung und eine von Leonardo da Vinci beeinflusste Abendmahlszene von Bernardino Luini glänzen. Ansonsten übt sich Lugano im Spagat zwischen Belle Époque und modernem Beton, viel davon ist nach Ideen des heimischen Architekten Mario Botta in die Form gegossen. Die Altstadt am Ufer des Luganer Sees ist heute ein kleiner touristischer Magnet und die Stadt drittgrößter Bankenplatz der Schweiz. Hesse, der in der Renaissancemalerei des lombardischen Malers den Dialog zwischen dem Schweizer Bergland und der Kultur des klassischen Italien bewunderte, missfiel die anbrandende Geschäftigkeit des Tourismus bereits 1927: „Vor einigen Jahren“, schrieb er, „war im Tessin noch Mittelalter, war hier noch Paradies und Südsee. Jetzt ist das Tessin erobert von Berlin und Frankfurt, von Cook und Baedeker.“
Doch für den Touristen des 21. Jahrhunderts geht es immer noch vergleichsweise gemütlich zu.

Schnuppern an den Ständen in den Fußgängerzonen, die Sonne an der Piazza della Riforma oder auf der umgrünten Terrasse des Grand Hotels Villa Castagnola au Lac genießen, die vielen karmesinrot leuchtenden Kamelien in der Stadt bestaunen. Nur die Strecke nach Montagnola auf dem Bergrücken Collina d‘Oro hinaufzuwandern wie einst Hesse, empfiehlt die Direktorin des dortigen „Museo Hermann Hesse“, Regina Bucher, nicht: „Heute gibt es keinen Weg von der Collina d‘Oro nach Lugano mehr, der nicht an verkehrsreichen Straßen und hässlicher Bebauung entlangführt.“ Sie schlägt stattdessen eine Bus- oder Autofahrt in das heutige Wohnsitzcluster der Reichen vor, in dem die Hesse-Stiftung das Museum mit Ausstellungen und Veranstaltungen unterhält. Ihr Tipp, wo die Tessiner Idylle noch ähnlich ländlich erfahrbar ist wie zu Hesses und Horkheimers Zeiten: Eine Fahrt mit der hundertjährigen Seilbahn auf den Monte Brè hinter dem Belle-Époque-Grandhotel Villa Castagnola führt in das Dorf Brè, in das auch Hesse seinerzeit gern Malausflüge unternahm.

Karin Willen / 05.08.12 Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung - RheinMainMarkt